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    Glossenbeispiele

    Kennen Sie Marseille?

    Neben dem Ausüben eines wohlverdienten Nichtstuns und dem Ausgeben eines hartverdienten Geldes, stellt der Urlaub in Frankreich für den in Deutschland lebenden Franzosen eine wunderbare Gelegenheit
    dar, ungehemmt in seiner Muttersprache zu schwelgen.

    Ohne vorher groß über seine Sprechabsichten nachdenken zu müssen, plappert er einfach los, lässt sich über das Wetter aus, albert mit Hunden rum, gibt anderen Franzosen bereitwillig Wegauskünfte zu Orten, von denen er erst vor fünf Minuten gehört hat, kurz: er tobt sich aus. Dabei begleitet ihn immer die Sicherheit, verstanden zu werden, denn im Unterschied zu den Deutschen, die sich manchmal untereinander nicht verstehen (versuchen Sie mal, sich in Hannover auf Pfälzisch zu unterhalten!), sprechen die Franzosen eine im Großen und Ganzen einheitliche Sprache mit einer einheitlichen Grammatik.

    Die Bedingungen für eine parasitenfreie Kommunikation sind also gegeben. Denkt er. Da hat er aber nicht mit der Wirkung seines deutschen Nummernschildes sowie den voreiligen Schlüssen gerechnet, die dieses Nummernschild mit sich bringt. Zum Beispiel sitzt er im Fernseherraum der Villa, in der er seine Ferienwohnung gemietet hat, Seite an Seite mit der hübschen Frau aus Südfrankreich, die am Samstag mit ihrer Familie eintraf. Ihr Auto parkte neben seinem und er glaubte, aus den Lippen der Frau die Worte "des Allemands", also "Deutsche!" abgelesen zu haben.

    Jetzt sitzen "les Allemands" und die Frau aus Südfrankreich gemeinsam vor den Nachrichten, die über irgend eine Bluttat in Marseille berichten. Die Frau dreht den Kopf zu ihm und sagt sehr langsam, indem sie jede Silbe sorgfältig von den anderen trennt:
    " Mar-seille. Vous connaissez Mar-seille ? C'est-une-ville. C'est-la-ville-où-nous-ha-bi-tons."
    "Ach so, Sie wohnen in Marseille? Ja, sicher kenne ich Marseille, ich habe zwei Jahre lang in Arles gelebt, schließlich sind es nur 90 Kilometer Entfernung ", antwortet "der Deutsche."
    "Ah!"
    Die Frau versucht still, ihre Gedanken zu ordnen. "Der Deutsche" spricht aber weiter:
    "Meine Frau und ich mögen die Provence sehr. Sollten wir einmal reich werden, möchten wir ein Haus dort kaufen."
    "Sie können aber gut Französisch."
    "Es ist kein Kunststück, ich bin nämlich Franzose. Aber ich lebe in Deutschland."
    Daraufhin unternimmt die Frau eine letzte Anstrengung, um ein Nummernschild mit einer unerwarteten Sprachfertigkeit im Einklang zu bringen:
    "Das wundert mich nicht, ich habe Ihren deutschen Akzent sofort erkannt."

    Auszug aus dem Buch: Hüben und Drüben

     

    Eine Kurzgeschichte

    Die Versuchung

    Leider war das Viertel gut erhalten. Hätte ich gar nichts mehr erkennen können, hätte mich vielleicht der Anblick des Hauses nicht so ins Mark getroffen. Keine Ahnung. Ich denke, es war das einzige Viertel, das gut erhalten war. Der Rest war völlig neu. Selbst die alten Häuser waren neu, irgendwie. Ich weiß nicht, wie die Architekten es geschafft haben. In der Innenstadt war das Neu mit viel Glas versehen, so wie man heute protzig baut, wissen Sie, Riesenfenster, überall Glasflächen, in denen sich die Wolken spiegeln. Ich wusste, ich hatte dort nichts zu suchen. Genauso wie bei Pralinen: eine Stimme kreischt "Denk an dein Gewicht, Mensch! Es ist nicht gut für dich!" und währenddessen langst du nach den Pralinen, nimmst eine nach der anderen, und deine Frau ruft auf Englisch: "David! Wird dir nicht schlecht davon?" Und du antwortest: "Doch, Schatz."

    Genauso war es. Nur mit dem Unterschied, dass ich allein war. Meine Frau war in Los Angeles geblieben. Sie wäre gerne mitgekommen, aber der Arzt hatte es ihr verboten. Meine Frau ist herzkrank. Außerdem hat sie Krebs, aber Krebs ist nicht das Problem. Im Alter entwickelt er sich im Schneckentempo, und wenn man sich nur ein bisschen beeilt, gewinnt das Herzversagen haushoch.

    Am Flughafen hatte ich einen Mercedes gemietet. Ich fuhr durch Mannheim und über die Rheinbrücke. Ich wusste nicht, wo ich von der Autobahn runter fahren musste, und so fuhr ich zu weit. Ich machte kehrt und verließ die Autobahn bei der ersten Ausfahrt Richtung Ludwigshafen. Eine Zeitlang fuhr ich aufs Geratewohl. Mir war alles, aber auch alles fremd. Ich durchkreuzte einen eintönigen Vorort mit Reihenhäusern und zu jungen Bäumen. Ich wollte schon aufgeben (und fühlte mich genauso erleichtert, wie wenn ich keine Pralinen im Kühlschrank finde und es schon zu spät ist, um welche zu kaufen), als ich einen ungeteerten Weg entdeckte, der mich vage an etwas erinnerte. Ich parkte und ging zu Fuß auf diesem Weg, der zur Innenstadt führte. Es hatte in der Nacht viel geregnet. Mein Übergewicht hinderte mich daran, wie eine Ballerina über die braunen, schlammigen Pfützen zu springen. Wäre meine Frau da gewesen, hätte ich garantiert nicht weiter gemacht. Ich lief vielleicht eine Viertelstunde auf einem Feld, dann durch eine Baumgruppe und dann erreichte ich eine Straße. Da sah ich eine Reihe von älteren Häusern. Die kannte ich. Und die Straße kannte ich auch. Vor mehr als sechzig Jahren ging ich sie jeden morgen hoch bis zur Schule. Ich bog in die nächste Straße nach links ab und da war es.

    Das geschlossene Tor war an manchen Stellen durchgerostet. Ich zwang meine Nase durch die Gitter hindurch. Von den ihm zusetzenden Jahren einmal abgesehen, war das Haus unverändert geblieben, bis auf den Eingang auf der Ostseite, den es nicht mehr gab. Die grauen Fensterläden waren zu. Der ehemals weiße Putz blätterte ab. Die Akazie, die mein Vater in der Mitte der Wiese gepflanzt hatte, musste sehr groß geworden sein, dem Umfang des Stumpfs nach zu urteilen. Die Pergolas trugen keine Rosen mehr, standen aber immer noch. In den Alleen hinderten keine Reifenspuren das Gras daran, wild zu wachsen. Das Haus stand also da, leer und müde und unnütz wie ein alter, fetter, amerikanischer Rentner, und ich musste an mein erstes Fahrrad denken, ich war sechs oder sieben, und wie meine Mutter auf meinem winzigen Fahrrad vor den breiten Wohnzimmerfenstern mit gespreizten Knien hin und her fuhr, und wie wir alle lachen mussten, auch mein Vater. Ich stöhnte und versteckte mein Gesicht in den Händen. Eine Frau um die fünfunddreißig, die einen schwarzen, halbgroßen Mischling an der Leine führte, fragte mich, ob es mir gut ging. Ich lächelte sie so amerikanisch-freundlich an, wie ich nur konnte, und antwortete: "Danke. Ich habe nur zuviel Pralinen gegessen". Sie betrachtete mich misstrauisch.

    "Kann ich etwas für Sie tun?" fragte sie noch. Ich schüttelte den Kopf. Der Hund knurrte. Sie schlug ihn mit der Leine. Ich ergriff die Flucht, die bei mir wie das Rollen eines schweren Dampfers auf unruhiger See aussieht, während der Hund mir hinterher bellte.
    Es gab nichts und niemanden, auf den ich böse hätte sein können. Ich wusste, selbst ohne Krieg wäre es das Gleiche gewesen. Ich wusste, es gab nichts zu tun und es hatte nie etwas gegeben, was gegen die Häuser, in denen man ein Kind gewesen ist, getan werden konnte.
    Ich hatte noch vor, unser Ferienhotel im Schwarzwald zu suchen, und dann den Bach, wo ich einen Salamander ausgesetzt hatte. Doch als ich den Mercedes erreichte, steuerte ich direkt auf den Flughafen zu. Wenn man der Versuchung nicht gewachsen ist, soll man sich von Pralinen möglichst fern halten..

    Auszug aus dem Buch: Viel Leben, wenig Tod

 

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